Dienstag, 31. Dezember 2013

Guten Rutsch!

Ich wünsche Euch einen guten Rutsch!
Kommt unfallfrei hinüber ins Neue Jahr!

Leserückblick 2013

Da ich mit Interesse die Rückblicke meiner Blognachbarn lese, habe ich mich kurzfristig entschlossen, mein Lesejahr 2013 noch einmal ausführlicher Revue passieren zu lassen. 
Es hatte sich schon im letzten Jahr als gute Entscheidung herausgestellt, eine private Statistik zu führen. Ich stelle nämlich fest, dass ich mir die Büchermenge übers Jahr gar nicht mehr merken kann. 
2013 habe ich gut 20 Bücher weniger als 2012 konsumiert, und weil in diesem Jahr auch noch viele recht dünne Bücher dabei waren, fällt die Seitenzahl noch geringer aus. Drei Monate waren sogar dabei, in denen ich überhaupt kein einziges Buch gelesen oder gehört habe.
Zu wenig? Nein. Genau richtig.
Insgesamt gesehen habe ich mehr Bücher gelesen, die ich gerne aufhebe (inzwischen gebe ich viele Bücher an die Bücherei ab) und an die ich mich auch nach Monaten noch erinnern kann. 
Mein Fazit in Sachen E-Books und Hörbüchern ist ernüchternd, denn meine Konsumbilanz in diesen Medien fällt extrem spärlich aus. Obwohl ich 2013 häufig für Weiterbildungen unterwegs war, habe ich tatsächlich nur 3 E-Books gelesen, und die auch noch zu Hause. Vielmehr stelle ich fest, dass ich auf meinen Weiterbildungsfahrten auf der Hinreise gar nichts lese (früh um 8 Uhr im Zug ist mir dann doch eher nach einem Extrastündchen Schlaf) und auf der Rückreise meistens ein Buch in der Bahnhofsbuchhandlung kaufe und dann auch direkt zu lesen beginne. Unser Kindle verstaubt also immer noch. Für 2014 habe ich mir aber vorgenommen, den E-Book-Versuch für unterwegs noch einmal zu wagen, da bereits ein paar mehrtägige Schulungsreisen anstehen. 
Das Medium Hörbuch wurde mir ein wenig verhagelt. Wahrscheinlich bin ich auch noch selbst dran schuld. Ich kaufe nämlich meistens die Hörbuchversionen von Büchern, die mich interessieren, aber nicht unbedingt als Papierbuch mein Regal bevölkern müssen. In den meisten Fällen sind das aber Serien, sodass ich wochenlang in den Genuss eines und desselben Sprechers komme. Nun stelle ich fest, dass es mir eher auf die Nerven geht, immerzu einen Erzähler im Ohr zu haben und ich auch bei der abendlichen Hausarbeit, die sonst immer Anlass für Hörbücher war, lieber meine Ruhe habe. Dazu kommt meine großartige technische Begabung, denn seit dem letzten iTunes-Update passt auf meinen iPod trotz manueller Verwaltung nur noch ein Bruchteil dessen, was er vorher fasste, sodass ich jedes Mal einen Kampf mit der Software austrage, um überhaupt ein Hörbuch draufzubekommen. So habe ich mittlerweile einen Stapel ungehörter Bücher, den ich 2014 gerne in Angriff nehmen möchte, ohne mir das als echten Vorsatz festnageln zu wollen.
Außerdem nehme ich mir vor, Bücher nur noch dann zu kaufen, wenn ich sie gleich lesen möchte. Das hat 2013 schon ganz gut geklappt. Ich habe nur wenige Bücher gekauft, die noch immer ungelesen im Regal stehen. Die meisten davon sind Fortsetzungen, die ich unbedingt schon mal im Regal haben wollte. (Blödes Hamsterverhalten!) Tja, da stehen sie halt immer noch, denn plötzlich hatte ich überhaupt keine Lust mehr auf diese Geschichten. Im Nachhinein ärgert mich die Geldausgabe, deshalb werde ich mich 2014 noch mehr zusammenreißen und auch wieder das eine oder andere Mängelexemplar kaufen, anstatt zum ladenneuen Hardcover zu greifen. 
Inzwischen ist es mir ein Bedürfnis, mehr querbeet zu lesen und auch mal Genres auszuprobieren, die mir sonst nicht liegen. Für Ermittlerkrimis aber kann ich mich noch immer nicht erwärmen, weshalb ich künftig wohl doch einen Bogen darum machen werde. Trotzdem waren diese Bücher für mich kein echter Flop. Überhaupt gab es für mich 2013 kaum Leseenttäuschungen - einmal empfinde ich nach wie vor jedes Buch als Bereicherung und andererseits habe ich mich durch keines durchquälen müssen. Klar, Enttäuschungen waren dabei, aber das liegt ja oft an den hohen Erwartungen, die man sich selbst setzt, weil gerade jeder ein bestimmtes Buch zu lesen und zu bejubeln scheint. Das wird es auch im nächsten Jahr wieder geben.
Entdeckt habe ich eine Schwäche für Coming-of-Age-Romane und Geschichten, die von der Suche nach dem Ich erzählen. Marjorie Celonas "Hier könnte ich zur Welt kommen" war solch ein Roman. Auch "Morgen vielleicht" von Jessica Soffer konnte mich berühren und sogar zu Tränen rühren, und Nickolas Butlers "Shotgun Lovesongs" ist mit seinen Klängen ohnehin eines meiner Jahreshighlights. 
2013 stand sehr wenig Fantastisches und Paranormales auf meinem Leseplan. Ich gebe ganz ehrlich zu, dass ich darauf keine Lust hatte. Aber selbst wenn ich mehr in diesem Genre gelesen hätte, bliebe "Sturmherz" von Britta Strauß mein unangefochtener Favorit. Ich liebe einfach Geschichten, die mich mit ihrer poetischen Sprache verzaubern und nachhallen, wenn das Buch längst seinen Platz im Regal gefunden hat. 
Neben "Sturmherz" standen 2013 auch  noch andere Jugendbücher auf meinem Leseplan. Dabei habe ich festgestellt, dass mir das Genre Jugendthriller durchaus zusagt. 
Auch Auswandererromane konnten in diesem Jahr mein Interesse wecken. Gerne würde ich auch da mehr lesen. 
Für 2014 will ich mir aber trotzdem nur pauschal vornehmen, weiter querbeet und das zu lesen, worauf ich Lust habe, ganz gleich, ob es sich um eine Neuerscheinung oder ein älteres Buch aus meinem SuB handelt. Ich werde weiterhin meine private Statistik führen, um für mich selbst einen Leseüberblick zu behalten. Unter Druck setzen werde ich mich allerdings nicht. Und wenn ich 2014 nur drei Bücher lesen sollte, ist das auch gut. 

Montag, 30. Dezember 2013

... über "zorneskalt" von Colette McBeth

Colette McBeth

Beste Freundinnen, beste Feindinnen

(c) Blanvalet /
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Zum Inhalt: 
Kriminalreporterin Rachel Walsh findet sich plötzlich auf der anderen Seite ihres Jobs wieder. Als sie zu einer Polizeipressekonferenz nach Brighton beordert wird, muss sie feststellen, dass sie hier nicht objektiv berichten kann. Denn vermisst wird Clara O'Connor, Rachels beste Freundin seit Teenagertagen. Clara, mit der sie noch vor wenigen Tagen zu einem Treffen mit Schulkameradinnen verabredet war, zu dem Clara jedoch nie erschien. Besorgt beginnt sie nachzuforschen und wird bald selbst verstrickt in Ungereimtheiten, die Claras Verschwinden in einem neuen Licht erscheinen lassen. 

Meine Meinung: 
Am Debütroman "zorneskalt" der britischen Autorin Colette McBeth reizte mich das Thema Freundschaft, aus der abgrundtiefer Hass entsteht. Ich wollte unbedingt wissen, was geschehen muss, damit dieser Fall eintritt, denn der Begriff Hass wird ja nicht nur in der Literatur gerne einmal überstrapaziert.  Hätte ich die Kurzbeschreibung nicht gelesen, hätte ich wahrscheinlich nicht zum Buch gegriffen, da mir sein Umschlag recht nichtssagend vorkam. Natürlich ist es bei Thrillern immer schwierig, ein spannendes Cover zu gestalten, das nichts verrät. "Zorneskalt" vermittelt äußerlich eher eine ruhige, düster-kalte Stimmung, deutet aber ansonsten nicht auf Handlung oder Figuren hin. Nichts destotrotz gefällt mir die Gestaltung, nachdem ich das Buch nun ein paar Tage in den Händen gehalten und öfter angeschaut habe, doch ganz gut, wenngleich mir der Name der Autorin überdominant erscheint. 
In seiner relativ unscheinbaren, aber nicht untypischen Aufmachung verbirgt "zorneskalt" einen Thriller, der mit seiner ungewöhnlichen Erzählweise überrascht. "zorneskalt" ist nämlich ein umfangreicher Brief an die vermisste Clara. In Ich-Perspektive adressiert Rachel ihre Erzählung direkt an Clara, spricht sie mit "du" und Vornamen an und entspinnt dabei die Geschichte ihrer Freundschaft. Zunächst hatte ich damit wirklich Schwierigkeiten, da ich das Gefühl hatte, in etwas hinzustolpern, wo ich nicht hingehörte. Zudem trägt der Brief, der, wenn es um die Geschehnisse um Claras Verschwinden geht, in der Vergangenheit und in Rückblenden im Präsenz erzählt wird, zu einem gewissen Misstrauen gegenüber der Ich-Erzählerin bei. Zum Zeitpunkt des Verfassens ihrer Erzählung hatte sie offenbar zwangsläufig einen gewissen Abstand erlangt, der ihren Gefühlen Distanz verleiht, sodass es mir schwerfiel, echte Sympathie zu empfinden. Ich-Erzählerin Rachel weiß sich zwar gewählt und bildhaft auszudrücken, vermittelt aber längst nicht den Eindruck des gefestigten Menschen, der sie mit ihren siebenundzwanzig Jahren sein will, jemand, der sich seiner Vergangenheit entledigen konnte. Vielmehr kommen herablassende Charakterzüge und ein psychologisch bedenklicher Hang zu Reinlichkeit und Perfektion zum Vorschein.
In Clara hatte sie vierzehnjährig ihre Ergänzung gefunden. Übergewichtig und unattraktiv, aufgewachsen mit einer Mutter, die den Alkohol der eigenen Tochter vorzog, gewann sie in dem etwas älteren Mädchen eine Vertraute, einen Menschen, der sie vorbehaltlos annahm. Dennoch stellte sich bei  mir kein Gefühl der großen, echten Freundschaft ein. Momente, in denen die Mädchen sich gegenseitig die Handgelenke brechen, nur, um nicht am Sportunterricht teilnehmen zu müssen, muten eher pubertär-bizarr als freundschaftlich an. 
Colette McBeth flicht Rückblenden ausgewogen in das "aktuelle" Geschehen ein, wobei diese überraschenderweise im Präsenz erzählt werden, das die Jugendtage und die Freundschaft der beiden Frauen beinahe mit größerer Zuneigung ausstattet, fast so, als könne die Erzählerin nicht von der Vergangenheit lassen, als stünde sie ihr näher. 
Während das Gegenwartsgeschehen bis zu einem einschneidenden Ereignis, das die Dinge ins Rollen bringt, recht lange stagniert, wird die Neugier auf die Vergangenheit und das, was zwischen den beiden Frauen geschehen sein mag und vielleicht Ursache von Claras Verschwinden ist, durch die Rückblenden mitunter strapaziert. Auch konnte mich die Auflösung der Geschichte nicht komplett überraschen. Dennoch gelingt es, Colette McBeth in ihrem Thrillerdebüt, eine zerrüttete Freundschaft scharfsinnig zu sezieren und ihre Figuren mit zahlreichen Graustufen und manipulativen Zügen zu zeichnen, sodass der Leser immer wieder zum Mitdenken und Hinterfragen seiner Sympathien aufgefordert ist. 
Ein Roman, der Lust auf mehr von der Autorin macht, für dessen actionlosen, gefährlich leisen Verlauf man aber ein Faible haben muss.

Fazit: 
Lesenswertes Thriller-Debüt mit viel Gespür für die Abgründe von Frauenfreundschaften und Figuren ohne Schwarz-Weiß-Stempel, in dem starke Emotionen mit faszinierender, erdrückender Ruhe geschildert werden, die dem Roman einen unaufgeregten Grundton verleiht und leider ein paar Längen nach sich zieht. 

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen 



Buchdaten: 
  • Broschiert: 384 Seiten
  • Verlag: Blanvalet Taschenbuch Verlag (25. November 2013)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Wulf Bergner
  • ISBN-10: 3442382653
  • ISBN-13: 978-3442382651
  • Originaltitel: Precious Thing
  • Neupreis: 12,99 € (D) 
  • Auch erhältlich als E-Book und Hörbuch.

Samstag, 28. Dezember 2013

... über "Drowning - Tödliches Element" von Rachel Ward

Rachel Ward

Faszinierend spannend, überraschend handlungsarm

(c) Carlsen / Bildlink zu amazon

Zum Inhalt: 
Carls Bruder Rob ist tot. Ums Leben gekommen bei einem schrecklichen Badeunfall, den der fünfzehnjährige Carl selbst nur knapp überlebte und an den er sich nicht erinnern kann. Überhaupt scheint seine Erinnerung ausradiert, mühsam tastet er sich, aus dem Krankenhaus entlassen, zurück in ein desolates Leben in einer chaotischen Wohnung, mit einer Mutter, die schon vor Verlust des Kindes kräftig der Bierdose zugesprochen hat. Auch ist da noch Neisha, ein Mädchen, das ihm fremd ist und ihn zu hassen scheint.Und dann erklingt Robs Stimme. Aus jedem Tropfen Wasser droht er, zieht Carl in einen Sog von Eifersucht und Rache. Und als der Regen kommt, steht er plötzlich vor ihm ... 

Meine Meinung: 
"Drowning - Tödliches Element" ist das erste Buch, das ich von Rachel Ward gelesen habe. Mir ist ihre erfolgreiche Numbers-Trilogie natürlich nicht entgangen, doch angesprochen hat mich diese nie. Ganz anders war das schon mit "Drowning", das ich unbedingt lesen wollte, weil mich die Leseprobe und die Umschlaggestaltung lockten. Auch wenn ich Rachel Wards andere Romane nicht kenne, waren die Vorschusslorbeeren und damit die Erwartungen recht hoch. 
Bereits der Umschlag des neuen Jugendromans der britischen Autorin wirkt düster und bedrohlich. So passt es auch - und ich finde, die Autorin hat hier einen wichtigen Schritt unternommen - dass die Autorin in einem Vorwort den Leser anspricht und ihm sogar gewissermaßen von der Lektüre abrät, in dem Wissen, dass Wasser eben nicht nur faszinierend, sondern auch gefährlich ist und großes Leid zufügen kann.
Lesern, die traumatische Erfahrungen mit Wasser gemacht haben, ist tatsächlich von "Drowning" abzuraten. Rachel Wards Roman ist in Bezug auf das im deutschen Untertitel angesprochene "tödliche Element" erstaunlich intensiv, geradezu atemberaubend. Selten habe ich Romane gelesen, die ihre Spannung in den Alltag überschwappen lassen. Wir sind überall vom Wasser umgeben, in uns, um uns. Sei es in unserem täglichen Getränk oder in unseren Tränen - das Romanelement ist allgegenwärtig und greifbar. Und wenn der Leser - wie ich - plötzlich zögert, die Hände in das Abwaschbecken gleiten zu lassen, hat ein Autor schon mal einen Erfolg zu verbuchen. 
Ein weiteres Plus von "Drowning" ist der Gedächtnisverlust des 15-jährigen Protagonisten. Wenngleich kein innovativer Kunstgriff, trägt diese Tatsache dazu bei, dass der Leser sich gemeinsam mit dem Ich-Erzähler die Geschehnisse erschließen muss. Mit all ihren Lücken und Unannehmlichkeiten. So tappt man gemeinsam mit Carl durch seine Erinnerungslosigkeit, lässt sich von seinem Entsetzen angesichts seines maroden Zuhauses vereinnahmen, empfindet jeden Erinnerungsfetzen mit aller Intensität. Unterstützt wird die verstörende Stimmung des Romans durch Carls verknappte Erzählweise, die Unsicherheit und Hoffnungslosigkeit unterstreicht. Es entsteht ein soziales Bild, in dem Mittellosigkeit, Alkohol und Gewalt dominieren, das die Geschichte aber nicht erdrückt, sondern eher im Spannungsstrudel mitschwimmt. Carl sucht in dieser Geschichte, in der jeder von seinem eigenen Drama absorbiert wird, vergeblich nach einem Auffangnetz, das er offenbar in der Vergangenheit schon nicht bei seinem siebzehnjährigen Bruder fand. Rob ist geradezu stereotypisch böse, schlägt, manipuliert den jüngeren Bruder. Mehr Einblick erhalten wir aber nicht.  Auch dann nicht, als der Tote plötzlich immer dann auftaucht, wenn Wasser im Spiel ist.
Meiner Meinung nach krankt "Drowning" an losen Fäden und mangelnder Weiterentwicklung seiner wenigen Figuren. Zwar ereignen sich Geschehnisse, die nagelkauend spannend sind, und Protagonist Carl setzt auch ein sein unvollständiges Puzzle zusammen, aber zwischen Robs Tod und seiner Beerdigung finden sich doch recht wenig erhellende Erkenntnisse. Die Figuren und die Handlung kommen nicht voran. Carls Mutter bleibt nach wie vor in ihrem Unglück absorbiert, sieht den überlebenden Sohn kaum. Die jugendlichen Protagonisten waren mir zu sprunghaft, auch wenn ich natürlich bei Jugendlichen, die hier auch noch Traumatisches erlebt haben, keine Geradlinigkeit erwartet habe. So ist Neisha, wie Carl auch, traumatisiert von den Ereignissen am See und hegt tiefe Ressentiments. Im nächsten Augenblick sind sie und Carl verliebt, dann wieder nicht mehr. Und ständig hatte ich das Gefühl, etwas überlesen zu haben. Ob die Dinge nun wirklich nicht ausgesprochen wurden oder schlichtweg vor der Spannung untergingen, vermag ich nicht zu sagen, denn da war dieser Sog, weiterlesen zu wollen, der den Drang, zurückzublättern, unterdrückte. Den Gesamteindruck retten konnte aber auch der Sog nicht.
Vor allem konnte ich mich bei der Lektüre nicht des Eindrucks erwehren, dass sich die Autorin selbst auf eine Odysee begeben hat, ohne festes Ziel, welches Genre sie bedienen will. Nicht nur, dass ich mit Fragen zurückblieb, sich mir vor allem die Beweggründe der Protagonisten nicht eindeutig erschlossen, ich wusste nie, ob ich es mit einem ausgeklügelten Psychodrama oder einem geisterhaften Mysterythriller zu tun hatte. Das mag ja für manchen Leser reizvoll sein, aber ich hänge beim Lesen ungern in der Luft. Da ich irrtümlicherweise von einem Einzelband ausging, war ich am Ende umso mehr enttäuscht, dass ich mich nicht rundum aufgeklärt gefühlt habe. Inzwischen habe ich gelesen, dass es eine Fortsetzung geben wird, darauf warten will ich aber nicht. 

Fazit: 
Rachegeschwängerte, dramatische Geschichte um drei Jugendliche und das tödliche Element Wasser, die mit erstickender Spannung und bedrückender Milieuzeichnung überzeugt, ihre Figuren aber im Trüben schwimmen und Handlungen vor zu vielen geisterhaft-beängstigenden Momenten versanden lässt.

Gesamteindruck: 
3 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten
  • Taschenbuch: 304 Seiten
  • Verlag: Carlsen (22. November 2013)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Uwe-Michael Gutzschhahn
  • ISBN-10: 3551520526
  • ISBN-13: 978-3551520524
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 14 - 18 Jahre
  • Neupreis: 14,99 € (D)
  • Auch als E-Book und Hörbuch erhältlich. 

Dienstag, 24. Dezember 2013

Frohe Weihnachten 2013!

Ich wünsche Euch zauberhafte Weihnachten!

Genießt die Familienzeit und lasst die Seele baumeln!

 

Montag, 16. Dezember 2013

... über "Unter dem Südseemond" von Regina Gärtner


Mitreißend bis zum Schluss 

(c) Heyne /
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Zum Inhalt: 
1899 verändert sich Almas Leben mit einem Schlag. Hatte die Neunzehnjährige bislang noch geglaubt, ihre Zukunft schon etwas vorausgeplant zu haben, muss sie nun erfahren, dass ihre Zwillingsschwester Käthe in anderen Umständen ist. Von Almas Verlobtem Hannes. Um Alma aus dem Weg zu haben, damit Käthe und Hannes schicklich verheiratet werden können, beschließt Almas gestrenger Vater die junge Frau dem erstbesten Heiratskandidaten in die Arme zu spielen. Nicht einmal von Tante Heidis inständigem Bitten lässt er sich erweichen, und überhaupt scheint im Hause Hinrichs ein Geheimnis in der Luft zu hängen, das man besonders vor Alma verbergen will. So wird sie die Frau des Faktors Hermann Stieglitz, bevor sie auch nur den Mund zum Widerspruch öffnen kann. Und die nächste Überraschung folgt auf dem Fuß: Stieglitz' Arbeitsplatz befindet sich nicht etwa im heimischen Köln oder in halbwegs familiärer Nähe. Nein, neues Zuhause des frisch gebackenen Ehepaares soll Apia auf Samoa werden. Alma muss nun die beiden jüngeren Geschwister Mathilde und Fritz und Tante Heidi, die ihr sehr am Herzen liegen, zurücklassen und ans andere Ende der Welt ziehen. Bald schon befinden sie und Hermann sich auf einem Schiff, das sie nach Monaten schließlich zunächst nach Sydney bringt, bevor sie weiter zu den Samoainseln aufbrechen. Gerade als sie das nächste Schiff besteigen, hektisch, weil Hermann in allen Dingen forsch voraneilen muss, stürzt Alma ins Meer. In letzter Sekunde kann die Nichtschwimmerin von einem der Seemänner gerettet werden. Aber die blauen Augen dieses jungen Rudergängers sollte sie ebenso wenig vergessen wie das Familiengeheimnis, das sie auch dann noch verfolgt, als sie allmählich auf der fremden Insel heimisch wird. 

Meine Meinung: 
Nachdem ich dieses Jahr schon einen Roman gelesen habe, der sich mit der deutschen Kolonialzeit befasste, hatte ich Lust auf noch eine Südseegeschichte. 
Autorin Regina Gärtner erzählt ihren Roman "Unter dem Südseemond" von Beginn an sehr intensiv und beweist ein gutes Gespür, den Leser in eine andere Zeit zu versetzen. 
Gleich am Anfang wird der Leser gemeinsam mit der Protagonistin Alma vor vollendete Tatsachen gestellt. Zimperlich geht es im Hause Hinrichs nicht zu. Es ist nichts Außergewöhnliches, dass der Hausherr und Vater seinen Kindern auch mal eine "Naht verpasst" - vermutlich keine Seltenheit. Dass Alma und ihre Zwillingsschwester nicht auf dem besten Fuß stehen, wird ebenfalls sofort deutlich und damit auch das Interesse des Lesers daran geweckt, was denn wohl in dieser Familie schief läuft. Doch bevor Alma weiterfragen kann, ist sie verheiratet und an Bord eines Schiffes. 
Regina Gärtner nutzt die Beschreibung der langen Reisezeit nach - zunächst - Australien geschickt, um ihrer Protagonistin eine Weiterentwicklung zu ermöglichen. Natürlich hatte Alma sich unmissverständlich als Sympathieträger durchgesetzt, aber auf den ersten Seiten noch etwas unbedarft gewirkt. Zwar hat sie ein gesundes Gerechtigkeitsempfinden und verabscheut Gewalt, aber dennoch erschien sie eher als die zwar talentierte, aber doch schlichte Näherin im elterlichen Geschäft. Angesichts der bevorstehenden Reise in unbekannte Gefilde reagierte sie einigermaßen panisch und befürchtete, sie käme nun zu den Wilden, den Mohren gar. Auf der Reise erweist sie sich jedoch als wissbegierige junge Frau, die durchaus willens ist, sich ihrem Schicksal zu stellen und sich auch auf die neue Lebenssituation vorzubereiten - ein Charakterzug, der sie durch ihre langjährige Geschichte hinweg begleitet, sie aber natürlich nicht davor feit, in Zweifel zu verfallen und zu straucheln. Sie schließt eine Freundschaft, die ihr über Jahre und Entfernungen hinweg erhalten bleibt, und lernt Englisch. Schon früh wird deutlich, dass sie sich gegenüber dem von hohem gesellschaftlichem Rang und Wohlstand besessenen Stieglitz behaupten und ihren eigenen Weg finden muss, um nicht untergebuttert zu werden. Geheiratet hat sie einen Mann, der sich mit ihr schmückt, seine ehelichen Rechte einfordert und sich nur allzu begeistert von der Freizügigkeit der Eingeborenen zeigt. Vom Regen kommt Alma in Traufe. Zu Hause schon nicht mit elterlicher Liebe überschüttet, hat sie nun einen Mann, den man nicht gerade als liebevoll und einfühlsam einstufen möchte. Auch wenn Alma der beschriebenen Epoche entsprechend "nur" Frau Stieglitz und vom Willen ihres Mannes abhängig ist, findet sie für ihr junges Alter recht schnell Mittel und Wege, um sich ein Stück Unabhängigkeit zu arbeiten. So pflegt sie bald Umgang mit Menschen, mit denen sie sich versteht, selbst wenn ihr Mann diese Kontakte nicht oder nur sehr widerwillig billigt. Daneben erträgt sie aber auch ihr Schicksal, dass es einem in der Seele wehtun möchte, dass die Selbstbestimmung einer Frau in jener Zeit derart untergraben wurde. Immerhin erzählt Regina Gärtner in "Unter dem Südseemond" nicht nur eine Auswanderergeschichte, sondern eben auch die Geschichte einer Liebe, die unmöglich scheint und damit besonders ans Herz geht. Denn was konnte Frau damals schon tun, wenn sie verheiratet war, ihr Herz aber nicht dem eigenen Mann gehörte? Wirrungen und Unentschlossenheit sind da vorprogrammiert, romantische Momente fürs Herz ebenso. 
Regina Gärtner beweist in ihrem 583 Seiten starken Roman ein gutes Gespür für Dialoge. Informationen über Land und politische Entwicklungen flicht sie oftmals in Gespräche ein, die so lebendig wirken, dass man buchstäblich den Gesprächspartnern an den Lippen hängt. Es entsteht auch durch Beschreibung von Kleidung, Architektur und Waren des täglichen Bedarfs ein farbiges Bild, das zu einer mitreißenden Zeitreise einlädt. Daneben verliert die Autorin ihre Figuren nicht aus dem Blick. Sie alle sind deutlich genug umrissen, um im Gedächtnis zu bleiben. Außerdem ist der Roman keineswegs überbevölkert, sodass der Leser nicht den Überblick verliert, ganz gleich, ob sie nun sympathisch sind oder nicht oder nur sporadisch auftreten. Sympathieträger und Gegenspieler halten sich angenehm die Waage und sind bis auf wenige Ausnahmen auch nicht schwarz und weiß. Besonders Almas Schwester Käthe ist ein erschreckend unbelehrbarer Mensch, von dem man lieber weniger lesen möchte, doch auch sie versteht es, im Leser sehr unterschiedliche Emotionen zu wecken.
Auch wenn nicht alle Figuren den Roman, der eine lange Zeitspanne von 1899 bis 1914 abdeckt, überleben, so geraten sie doch nicht in Vergessenheit. In Briefen und Erzählungen bleibt die Familie im fernen Deutschland allgegenwärtig, und damit auch das Familiengeheimnis, das neben der Liebesgeschichte, die nicht sein darf, einen weiteren roten Faden des Romans bildet. In beiden Handlungssträngen kommt es immer wieder zu Unsicherheiten und Rückschlägen, die jedoch so einnehmend erzählt sind, dass es an keiner Stelle des Romans langweilig wird. 
Lediglich mit den wenigen Liebesszenen konnte ich mich nicht vollkommen anfreunden. Obwohl der allwissende Erzähler intensive Einblicke in Almas Gefühlsleben und ihre Umgebung gleichermaßen gibt, so beobachtet er mir intime Momente zu detailliert. Das wollte für meine Begriffe nicht so ganz zu Almas ansonsten recht zugeknöpften Charakter passen, und meiner Meinung nach hätte es nicht unbedingt aller Details bedurft, um Almas leidenschaftliche Seite zu zeigen. 
Insgesamt betrachtet ist "Unter dem Südseemond" ein Roman, der zwar in Bezug auf das Familiengeheimnis für  mich vorhersehbar war, mich aber trotzdem bis zur letzten Seite festhielt und mich mitfiebern und Taschentuchvorräte aufbrauchen ließ. 

Fazit: 
Intensiv und einnehmend erzählte Auswanderersaga um eine junge Protagonistin, die Ende des 19. Jahrhunderts ihr Schicksal mit all seinen Wirrungen und Geheimnissen eindrucksvoll meistert und der man vor farbenfroher exotischer Kulisse von Herzen die Erfüllung ihrer Träume wünscht. 

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen






Buchdaten:
  • Taschenbuch: 592 Seiten
  • Verlag: Heyne Verlag (11. November 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3453411536
  • ISBN-13: 978-3453411531
  • Neupreis: 9,99 € (D) 
  • Auch als E-Book erhältlich. 

Donnerstag, 5. Dezember 2013

... über "Ich will vergelten" von Mari Hannah

Mari Hannah

Solider, aber detailverlorener Krimi


(c) Goldmann /
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Zum Inhalt:
Als in der Nähe des Hadrianwalls die Leiche einer jungen Frau gefunden wird, wird anderenorts eine weitere Frau vermisst. Sehr schnell liegt der Verdacht nahe, es könne sich um dieselbe Frau handeln. Wie sich herausstellt, ist die Tote jedoch nicht, wie ihre Aufmachung nahegelegt hatte, Jessica Finch, die Tochter des einflussreichen Adam Finch, der mit dem Polizeichef Golf spielt. Offenbar wurde die Medizinstudentin entführt, aber es besteht die leise Hoffnung, dass sie noch am Leben ist. Für Ermittlerin Kate Daniels und ihr Team beginnt eine fieberhafte Suche voller vager Spuren und Ungereimtheiten. Jessica hingegen rennt die Zeit davon ... 

Meine Meinung: 
Zunächst muss ich sagen, dass ich sicherlich nicht zur Zielgruppe von Mari Hannahs Roman gehöre. Thriller und Kriminalromane landen höchst selten auf meinem Nachttisch. Da muss ich schon in entsprechender Stimmung sein. Außerdem ziehe ich den Thriller, bei dem ich mir vor Spannung die Fingernägel zerbeiße, einem auf Ermittlungsarbeit fokussierten Krimi vor. Nun hat mich die Einordnung "Thriller" unter Mari Hannahs Titel doch leicht irregeführt, denn dieser Roman ist tatsächlich ein Ermittlungsthriller, in dem echte Spannungsmomente erst gegen Ende aufkommen. 
"Ich will vergelten" ist außerdem das zweite Buch um die ehrgeizige Ermittlerin Kate Daniels. Das wiederum tut der Lektüre nur wenig Abbruch, da hier eine in sich geschlossene Geschichte erzählt wird. Es kommen zwar Dinge zur Sprache, die vermutlich im ersten Band eine Rolle spielten, dennoch stören sie das Verständnis nicht. Allerdings möchte ich nicht ausschließen, dass die fehlende Kenntnis des ersten Buches einen Hemmschuh in der Annäherung gegenüber der Figur der Inspektorin Daniels bedeuten kann. 
Von Beginn an zeichnet die Autorin ein sehr detailliertes Bild der Polizeiarbeit und lässt dabei eine Atmosphäre entstehen, die mich stark an britische Kriminalfilme/-serien erinnerte. Routinen wirken sehr authentisch, worin sich gewiss die Erfahrungen der Autorin als Bewährungshelferin widerspiegeln. Mitunter entstehen durch diese augenscheinliche Aufmerksamkeit gegenüber authentischen Details und Abläufen Längen, die meine Geduld stark auf die Probe stellten. So mäanderte die Geschichte ebenso wie die erfolglosen Ermittlungen lange vor sich hin, ehe zumindest der Leser einmal ein Lebenszeichen der Entführten bekam. Hannahs Erzählweise lässt mich zwiegespalten zurück, denn zum einen verspürte ich auf drei Vierteln ihres Romans überhaupt keine Spannung, konnte noch nicht einmal für mich einen Verdächtigen ausmachen, zum anderen aber präsentiert sie mit ihrer Geschichte auch ein Stück Echtheit, das cineastischen oder literarischen hollywoodmäßigen Superhelden-/Schnelllösungen wunderbar entgegensteht. Neue Spuren, falsche Verdächtige, weitere Vermisste bieten in diesem Roman einmal Anlass zu Langeweile, zeigen aber auch die Ungeradlinigkeit der Ermittlungen mitsamt Seifenblasen und Rückschlägen. Dafür sollte der Leser aber ein gewisses Faible mitbringen. 
Nicht nur das, eine Grundkenntnis der Funktionen im Polizeidienst ist ebenfalls von Vorteil. Auch wenn wir es mit einer leitenden Ermittlerin zu tun haben, die als Protagonistin inzwischen mehrere Bücher trägt, so ist sie doch von einem sehr umfangreichen Stab umgeben, in dem es sich schwer zurechtfinden lässt. Routinierte Leser/Zuschauer des Genres dürften darüber hinweglesen. Als Quereinsteiger und Gelegenheitsgenreleser habe ich es hingegen schwer gehabt, mich zwischen all den britischen Dienstgraden und Abkürzungen zurechtzufinden. Die Autorin zeigt hier ganz klar, dass sie sich auskennt. Wer sich nicht auskennt, hat dann allerdings Pech. Bis zum Ende konnte ich mich nicht mit den zahlreichen Nebenfiguren und ihren Bezeichnungen anfreunden, habe es allerdings aufgegeben, mich darauf zu konzentrieren. Bedauerlicherweise war es dann für mich schon zu spät, mich näher auf die Figuren einzulassen. 
Ermittlungsleiterin Kate Daniels steht zwar im Fokus des allwissenden Erzählers, bleibt doch über den gesamten Fall hinweg entfernt. Nun mag es zwar für die Lektüre eines Krimis weniger erheblich sein, ob man die Ermittler mag oder nicht, ich allerdings fühle mich wohler, wenn ich eine Beziehung zu Charakteren aufbauen kann. 
Hier fiel mir dies schwer, da einmal Kate fast ausschließlich mit Nachnamen in Spiel gebracht wird und sie andererseits einen britisch-stereotypisch reservierten Eindruck vermittelt. Damit blieb dann auch ich reserviert. Ich konnte mit Daniels, die stets dienstbeflissen ihren Ausweis "durchzieht", nur nach Hause fährt, um zu duschen und in eine frische steife Bluse zu schlüpfen, mit ihrer Arbeit verheiratet ist und mit ihrer sexuellen Orientierung nicht hausieren geht, um Privates und Berufliches strikt zu trennen, lange wenig anfangen. Nie lässt sie sich in die Karten schauen. Daneben hat sie ihr Team gut im Griff, ohne übermäßig den Boss raushängen zu lassen. Allerdings klingt Menschliches nur hier und da einmal an,  Verlust, Eifersucht oder Einsamkeit blitzen lediglich auf, bevor sie zum Ende hin auftaut. Gefühlsregungen werden deutlich, und Kate zeigt, dass sie auch ganz anders kann. Zielorientierte Verbissenheit und Mut gehen bei ihr allerdings Hand in Hand.
Der Fall dieses Romans wirkte auf mich keineswegs ungewöhnlich oder innovativ. Reiche Tochter wird entführt, eine Tote in ihrer Kleidung gefunden, reicher Papa erhält zwar einen Drohbrief, aber sonst passiert erst einmal nichts. Peu à peu finden die Ermittler heraus, dass die Entführte keineswegs der Mensch ist, den ihr Vater beschreibt. Im Zuge der Ermittlungen avanciert sie zu einem Sympathieträger, damit der Leser sich natürlich wünscht, dass sie gefunden wird. Anders als in Psychothrillern wird auf eine Darstellung von Jessicas gefährlicher Lage großzügig verzichtet. Nur selten bekommen wir sie zu Gesicht, um kurz Einblick in ihre Verfassung zu erhalten. Wirklich Sorgen machte ich mir allerdings erst sehr spät. Durch zahlreiche Nebenstränge, die sich nicht alle als relevant herausstellen, werden Bekannte, Freunde, Verdächtige eingeführt, die Verwirrung stiften (sollen). Da ich ein schlechter Ermittler bin, vermutete ich lediglich anhand des sehr deutlichen Buchtitels zwar die Beweggründe, konnte aber keinen Verdächtigen ausmachen. Die Autorin schürt allerdings nicht unbedingt Erwartungen oder Verdachtsmomente, sodass mich die Auflösung durchaus überraschte. Auf den letzten einhundert Seiten wird Mari Hannahs tatsächlich richtig spannend und zum angekündigten Wettlauf mit der Zeit, um schließlich mit einem Ende, das sich nicht auf die Lösung beschränkt, sondern einen Ausblick bietet, rund geschlossen zu werden. 

Fazit: 
Mit starkem britischem Krimiflair erzählter zweiter Band der Reihe um Ermittlerin DCI Kate Daniels, der in einer in sich geschlossenen Geschichte großes Augenmerk auf detaillierte Ausführungen zur Polizeiarbeit legt und damit eingefleischten Fans klassischer Ermittlerkrimis durchaus zu empfehlen ist. Gelegenheitskrimileser können unter Umständen von detailreichtums- und routinebedingten Längen abgeschreckt werden. 

Gesamteindruck: 
3(,5) von 5 Weißdornzweigen 





Buchdaten
  • Taschenbuch: 448 Seiten
  • Verlag: Goldmann Verlag (19. August 2013)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Sigrun Zühlke
  • ISBN-10: 3442474809
  • ISBN-13: 978-3442474806
  • Originaltitel: Settled Blood
  • Neupreis: 8,99 (D) 
  • Auch als E-Book erhältlich.


Montag, 25. November 2013

... über "Norden ist, wo oben ist" von Rüdiger Bertram

Rüdiger Bertram

Zwei Kids, ein Boot, ein Abenteuer

(c) Ravensburger /
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Zum Inhalt: 
Paul-Antonius-Philipp hat nicht nur einen ausufernden Vornamen, sondern er führt auch ein großzügiges Leben. Eigentlich. Denn großzügiges Taschengeld und ein Schrank voller Markenklamotten in einer Villa sind gar nichts, wenn man mitten im Scheidungsstreit der Eltern steckt. Und davon hat Junge gründlich die Faxen dicke. Als die großen Ferien anstehen und er sich entscheiden muss, ob er mit Mutter oder Vater verreisen möchte, beschließt er, sich abzusetzen und die bevorstehenden vier Wochen in aller Ruhe allein zu verbringen. Während nun also Mutter und Vater jeweils in der Annahme, Philipp habe sich für den anderen Elternteil entschieden, in den Urlaub abdüsen, läuft dem Jungen Mel über den Weg. Mir nichts, dir nichts hat Philipp den ausgebüchsten Wildfang an der Backe und mit den geplanten ruhigen Ferien ist es Essig. Bald schon sind die Kids mit der Jacht von Philipps Vater auf dem Weg nach Norden, aber Mel verraten, wer er wirklich ist, das will Philipp noch lange nicht ... 

Meine Meinung: 
Zurzeit gestaltet sich die Suche nach passender Lektüre für Sohnemann gar nicht so einfach. Die Bücher für seine Altersklasse wecken sein Interesse kaum, Geschichten für ältere Leser sind aber meistens noch zu umfangreich. Mit "Norden ist, wo oben ist" meinte ich dennoch, ein spannendes Buch in passendem Umfang gefunden zu haben.
Vom Äußeren zeigte sich mein Sohn zunächst wenig beeindruckt. Das Umschlagbild von Constanze Spengler stellt farblich und inhaltlich treffende Bezüge zu Rüdiger Bertrams Kinderbuch her und ist dabei recht nüchtern und unaufgeregt. Meinem Sohn hingegen war der Umschlag allerdings nicht auf- bzw. anregend genug. Auch fand er es schade, dass das Buch mit Ausnahme von Vignetten keine weiteren Illustrationen enthält, wodurch der Text trotz großzügiger Schrift und Zeilenabstände etwas erschlagend wirkt. Gerade für Jungen, die sich auch im anvisierten Lesealter zwischen 10 und 12 Jahren oft nur mühsam zum Lesen bewegen lassen, empfinde ich viel Text ohne kleine Auflockerung immer als Hemmschuh. 
Rüdiger Bertram beginnt sein Kinderbuch ohne viel Vorgeplänkel und stürzt den Leser direkt ins Geschehen. Das ist ganz wunderbar, denn so kommt gar nicht erst Anfangslangeweile auf. 
Protagonist Paul-Antonius-Philipp sitzt bereits in der Raststätte, während seine Eltern in getrennten Autos auf dem Parkplatz auf seine Entscheidung warten. Die Kluft zwischen ihnen ist augenscheinlich so tief, dass sie es nicht einmal über sich bringen, ihren Sohn persönlich zum Auto des Elternteils, für den er sich entscheidet, zu begleiten. So schenken sie Philipps kurzem Anruf Glauben und fahren schließlich los, ohne den Sachverhalt zu prüfen. Immerhin haben sie ihrer Auffassung nach ein eigenständige Individuum erzogen, das eigene Entscheidungen treffen kann. Dabei verkennen sie, dass Philipp eigentlich  nur seine Ruhe haben will, anstatt mit Dingen überhäuft zu werden, die ihr schlechtes Gewissen beruhigen. 
Eine realistische Situation, in der sich nicht wenige Kinder wiederfinden, auch ohne wie Philipp Teil einer wohlhabenden Familie zu sein. 
Während der Elfjährige über seinen Plan, seine Eltern auszutricksen, nachdenkt und dabei einen erstaunlich reflektierten Eindruck macht, gesellt sich ein Mädchen zu ihm. Offenbar wurde Mel von ihrer Feriengruppe vergessen, und weil sie sowieso keine Lust hatte, mit nach Kroatien zu fahren, ist das auch nicht weiter schlimm. 
Mel, kaum älter als Philipp, überrumpelt ihn immer wieder mit ihrer direkten Art und drängt sich ihm buchstäblich auf bzw. Philipp hat nicht den Mumm, das Mädel einfach in die Wüste zu schicken, was vermuten lässt, dass er vielleicht gar nicht richtig allein sein will.
Mel ist abenteuerlustig, ausgefuchst und ziemlich impulsiv und sprunghaft. 
Während Philipp mit einem goldenen Löffel im Mund geboren wurde, ist Mel genau das Gegenteil. Sie lebt in einer Pflegefamilie und weiß, was es heißt, sich durchzuschlagen. 
So gegensätzlich die Kinder sind, so sind sie doch nicht überzeichnet und passen gut zueinander. Sie fordern einander gewissermaßen heraus und bringen einander auch in der Kürze der Handlung gewiss weiter. 
Allerdings kann sich nie ganz sicher sein, was von dem, das Mel erzählt, auch wirklich stimmt. Immerhin tritt Philipp als Ich-Erzähler auf und so müssen wir ihm glauben, was er sieht und denkt. Zudem halten es beide Kinder mit der Wahrheit nicht so genau. 
Obwohl Philipp für seine elf Jahre oft älter und klüger als Mel wirkt, will er sich keine Blöße geben und dem Mädchen auf keinen Fall preisgeben, wer er ist. 
Man merkt ihm an, dass er gerne ein Junge wie jeder andere sein und vor Mel nicht wie ein Schnösel dastehen möchte, gleichzeitig aber auch die Annehmlichkeiten seiner Herkunft durchaus genießt. So ist er doch kein alltäglicher Junge, mag Obstsalat, steht im Fechtclub eher schlecht als recht seinen Mann und lässt so manches Mal den Cineasten raushängen. Dies lässt mutmaßen, dass Philipp in der wenigen Zeit, die sein Vater offenbar mit ihm verbringt, nicht mit Kinderdingen beschäftigt ist. Seine Assoziationen und Vergleiche wirken oft erwachsen und haben mich häufig zum Schmunzeln gebracht. Mein Sohn hingegen nahm diese kaum bis gar nicht wahr und konzentrierte sich auf den spannenden Handlungsstrang der beiden Kinder, die allein ein Boot navigieren und dann auch noch per Anhalter auf dem Weg nach Rostock sind. Da musste ich seine Fantasie doch ab und an bremsen und dringend von der Nachahmung abraten.
Rüdiger Bertram beweist gutes Gespür für eine ausgewogene Gestaltung seiner Figuren. So dürfen seine Charaktere trotzdem Kind sein. Werfen sie einerseits mächtig erwachsenen Aussagen um sich, dürfen sie kurze Zeit schlecht bis gar nicht durchdachte Dinge tun, mit denen sie sich zwangsläufig in Bredouille bringen. Zwischendurch muss man sich sogar Sorgen um die Kinder machen, denn Mel hat Asthma, das sie zwar hin und wieder mit schauspielerischem Talent zu nutzen weiß, an anderer Stelle aber wird es wirklich ernst. Nicht nur auf diese Weise erhalten die Charaktere Gelegenheit, nach einem eher unfreiwilligem Start ihre neu gewonnene Freundschaft unter Beweis zu stellen. 
Mein Sohn mochte außerdem besonders gern, dass Mel nicht als sonderlich mädchenhaftes Mädchen dargestellt wird. Sie ziert sich wenig und scheut nur vor Dingen zurück, die einen Asthmaanfall bewirken könnten. Damit nimmt auch der männliche Leser sie rasch als Kumpel an und empfindet sie nicht als das störende Element, das auch Philipp zu Beginn noch vermutet hatte. 
Durch die Erzählung aus Philipps Sicht bleibt dennoch der Charakter der Mel leicht außen vor, und wir hätten uns gern noch mehr Einblicke gewünscht. 
Alles in allem erwies sich "Norden ist, wo oben ist" als kurzweilige Lektüre, die nicht immer realitätsnah verläuft und nach einem ziemlich flotten Ende ein paar Fragen offen lässt. 
Trotz 190 Seiten Text fühlte sich auch mein aktuell nicht leseaffiner Sohn sehr gut unterhalten, und da Rüdiger Bertram seine Geschichte am Ende dankenswerterweise nicht haarklein aufdröselt, wurde sogar eine leise (unbestätigte) Hoffnung geschürt, ob Philipp und Mel mal wieder etwas miteinander unternehmen. 

Fazit: 
Amüsante und spannende Ereignisse mit einem ernsten Grundthema vereinende Geschichte um zwei gegensätzliche Kinder, die auf einem Roadtrip ein ganz besonderes Ferienabenteuer erleben, das allerdings nicht zur Nachahmung empfohlen ist. 

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten: 

  • Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
  • Verlag: Ravensburger Buchverlag; Auflage: 1 (1. Mai 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • Umschlagbild und Vignetten: Constanze Spengler
  • ISBN-10: 3473368652
  • ISBN-13: 978-3473368655
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 10 - 12 Jahre
  • Neupreis:  12,99 € (D)
  • Auch als E-Book erhältlich.   

Sonntag, 17. November 2013

... über "Die Liebe in Grenzen" von Veronika Peters

Veronika Peters

Leben und Lieben ohne Schablone.

Zum Inhalt: 
Katia Werner sucht noch nach ihrem Platz im Leben. Ihre Ausbildung zur Erzieherin hat sie quasi abgeschlossen, das Anerkennungsjahr muss sie noch absolvieren. Mehr aus Geldsorgen denn aus tiefer Überzeugung bewirbt sie sich auf eine Praktikantenstelle in einer besonderen psychiatrischen Wohngemeinschaft, der Goldbachmühle. Wider Erwarten, denn eigentlich ist sie für die Arbeit mit den dortigen Fällen noch nicht ausreichend qualifiziert, bekommt sie den Job. Nicht zuletzt wegen Konrad, der unter den ungewöhnlichen Bewohnern besonders heraussticht und dessen einnehmendem Wesen sie sich bald auch nach Dienstschluss nicht mehr entziehen kann ... 

(c) Goldmann /
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Meine Meinung: 
Es ist so eine Sache mit den Vorurteilen ... 
Normalerweise mache ich nämlich einen Bogen um Romane, die äußerlich auf den ersten Blick so nüchtern und uneinladend gestaltet sind wie Veronika Peters' neuer Roman "Die Liebe in Grenzen". Oft befürchte ich da etwas "Schweres", das sich mit dem primären Wunsch nach Unterhaltung nicht unbedingt vereinbaren lässt. Veronika Peters Buch ist aber eine jener Geschichten, die zum Revidieren eigener Vorurteilen geradezu einlädt. Schon der Umschlag regt zum Nachdenken an, mit dem in die Grenzen zweier Laternen gesetzten Titel, der alten Brüstung, Stühlen, die nur noch aus Rahmen bestehen, sodass wohl kaum jemand gern verweilen würde, und mit den Vögeln, die einfach loslassen und davonfliegen. In den auf den ersten Blick so nüchternen Elementen spiegelt sich der Roman sehr treffend wider, und ich werde künftig keinen Bogen mehr um solche Umschläge machen, sondern genauer hinschauen und hineinlesen. 
Zunächst erleben wir Protagonistin Katia vor dem Briefkasten. Obwohl sie nicht einmal Bewerbungsabsagen erwartet und ihr Vater den Briefwechsel mangels Antworten schließlich ebenfalls eingestellt hat, hat sie das merkwürdige Gefühl, dass wider Erwartung an eben diesem Montag vielleicht doch etwas darin liegen könnte. Ohne Umschweife lernen wir eine junge Frau kennen, die sich in den vergangenen Monaten zurückgezogen hat. Eine Frau, die verdrängt, vergeblich verarbeitet, vielleicht sogar Angst hat. Als sie eine leere Ansichtskarte vom Jardin du Luxembourg zwischen der Werbung aus dem Briefkasten hervorfischt, wird sie mit einer nahen Vergangenheit konfrontiert und beginnt, sich ihr zu stellen, denn das nächste postalische Zeichen bleibt nicht aus. 
Veronika Peters lässt ihre Protagonistin Katia als Ich-Erzählerin in zwei Zeitebenen von einem Abschnitt ihres Lebens berichten. 
Von der Katia vor dem Briefkasten blicken wir somit zurück zu der Katia, die sich vor ein paar Monaten erst durchgerungen hat, ihre Ausbildung abzuschließen und ihr Anerkennungsjahr als Erzieherin zu absolvieren. 
Und da stoßen wir schon wieder auf eigene Vorurteile. Mit ihren grünen Haaren ist Katia äußerlich unangepasst, vermittelt nicht unbedingt den Eindruck einer Respektsperson. In einem unkonventionellen Bewerbungsgespräch, das eigentlich gar keines ist, erweist sie sich jedoch als schlagfertig und nicht auf den Kopf gefallen, selbst wenn sie sich im nächsten Augenblick selbst analysiert und sich so manches Mal in Allerwertesten beißen möchte. Sie zeigt sich als junge Frau ohne Berührungsängste, sie ist offen gegenüber neuen Aufgaben und lässt sich auch nicht so schnell ins Bockshorn jagen. 
Während die Gegenwarts-Katia von Unsicherheit geprägt ist und ein Zeichen nach dem anderen zu entschlüsseln versucht, wächst die "alte" Katia in eine neue Gemeinschaft, eine neue Familie, hinein. 
In der Villa, die eine Reihe von "Fällen" beherbergt, bei denen klassischen Therapiewege ausgeschöpft sind oder die von den Betreuern schlichtweg als Fehldiagnose eingestuft werden, trifft Katia auf Menschen, die nicht dem entsprechen, was wir gemeinhin für gesellschaftliche Normen halten, Menschen, die nicht unseren Erwartungen gerecht werden und die sich selbst sogar als "Irre" bezeichnen. 
Zu ihnen gehört auch Konrad, eine schillernde Figur, die auf einem sehr schmalen Grat zwischen stereotyp und erschreckend authentisch gezeichnet ist. Aus gutem Hause, mit depressionskranker Mutter und überanspruchsvollem, gestrengem Vater schreit er förmlich nach Klischee. Seine künstlerischen Talente, seine Intelligenz und seine einwandfreien Manieren verleihen ihm eine Hochglanzaura, die ihn hervorstechen lässt. "Irre" wie die anderen in der Goldbachmühle ist er ... und doch anders. Für ihn ist die Katia mit den grünen Haaren längst kein Paradiesvogel. Schnell kann er sie für sich gewinnen, Gefühle in ihr wecken, die nichts Dienstliches mehr an sich haben, sie in eine Gefühlswelt entführen, in der sie schnell verbrennen kann.
Intensiv und gerafft erzählt Veronika Peters auf 242 Seiten aus Katias Sicht eine etwas andere Beziehung, die nicht von jedem Leser zwangsläufig mit Liebe gleichgesetzt werden wird. Dabei gelingt es ihr, den Handlungsstrang um die Goldbachmühle und ihre Bewohner ausgewogen mit der besonderen "Liebesgeschichte" zu verknüpfen. Katia, deren gute Instinkte sie rasch zu einem Familienmitglied in der Goldbachmühle machen, wird, wie der Leser auch, in Konrads Bann gezogen. Seine Beweggründe und Gefühle zu entschlüsseln, ist, mangels Darstellung seiner Innensicht, schwierig und auch nicht das Ziel. Schnell wird deutlich, wie sehr Konrad sein Spiel spielt, Fäden zieht, ständig in einem fadendünnen Gemütszustand, der auch für Katia nicht leicht zu handlen ist. Eingebettet in den Alltag der psychiatrischen Einrichtung schildert die Autorin etwas, das sich nicht auf eine klassische Liebesgeschichte reduzieren lässt. Sie stattet ihre Charaktere mit glaubhaften Problemen aus, verleiht ihnen Charakter und lässt Konflikte nicht aus der Luft gegriffen wirken. In der Goldbachmühle ist jeder Charakter gleichwichtig, wie in der Gegenwart auch Katias beste Freundin Manu. Veronika Peters gestaltet sie alle so lebendig, dass sie selbst dann präsent wirken, wenn sie gar nicht physisch anwesend sind.  
Dies gilt auch für Konrad, der, und das erfahren wir bereits zu Beginn des Buches, nicht mehr physisch in Katias Leben anwesend ist. Im Verlauf des Romans sendet er Katia diverse Zeichen, die Fragen aufwerfen und schlussendlich Meilensteine in der Charakterentwicklung repräsentieren. Dabei gelingt es der Autorin, Spannungsmomente treffsicher zu setzen und dafür zu sorgen, dass der Leser auch in Augenblicken voller Zweifel und Rückschläge nicht in Schwermut verfällt. Während Katia die vergangenen Monate verarbeitet, wird der Leser angeregt, sein eigenes Schablonendenken zu hinterfragen und abzustreifen, sich Alternativen zu öffnen und sich auf ein unerwartetes Ende vorzubereiten. 
Damit wird "Die Liebe in Grenzen" zu einem intensiven Leseerlebnis, das Emotionen weckt und auch Lust macht, den Charakter der Katia weiter zu verfolgen. 

Fazit: 
Mit viel Gespür für das Außergewöhnliche und erfrischend unkitschig erzählte Geschichte, die in einem kurzen Strohfeuer der Liebe und seinen Nachwirkungen charakterliche Graustufen auslotet, mit Vorurteilen und Erwartungen aufräumt und sich nicht vor dem Loslassen scheut. Ein Roman, der weder Schwarz noch Weiß zurücklässt und stark nachwirkt. 

Gesamteindruck: 
5 von 5 Weißdornzweigen 

Buchdaten:
  • Gebundene Ausgabe: 272 Seiten
  • Verlag: Goldmann Verlag (21. Oktober 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • Umschlaggestaltung: Uno Werbeagentur, München
  • ISBN-10: 3442313201
  • ISBN-13: 978-3442313204
  • Neupreis: 19,99 €
  • Auch als E-Book erhältlich.

Sonntag, 10. November 2013

... über "Schwanengrab" von Petra Schwarz


Mitreißend und nicht vorhersehbar

(c) dtv / Bildlink zu amazon


Zum Inhalt: 
Den Umzug nach Deutschland hat sich Samantha sicherlich anders vorgestellt. Nach dem Tod ihrer Mutter erwarten sie nun ein neues Land und eine neue Schule. Doch die Aussicht auf neue Freunde rückt bereits mit der ersten Stunde in weite Ferne. Die Fünfzehnjährige wird geschnitten und erhält bald schon Drohbriefe, dass sie verschwinden solle. Ihre Nachforschungen führen sie schließlich auf den Friedhof. Zum Grab ihrer gleichaltrigen Doppelgängerin ... 

Meine Meinung: 
"Schwanengrab" spricht mich bereits äußerlich an. Das tiefe Blau, der schwarze Schwan und der signalhafte Titel machen nicht nur neugierig, sondern sorgen auch dafür, dass der rote Faden des Schwanensee-Märchens auch auf dem Buchumschlag nicht verloren geht. 
Petra Schwarz stellt ihren Hauptcharakter Samantha vor einen Neuanfang. Aufgewachsen im kalifornischen Berkeley als Tochter einer amerikanischen Mutter und eines deutschen Vaters wird sie vom Vater nach dem Unfalltod der Mutter nach Trier mitgenommen, wo der Vater eine neue Stellung antritt. Ohne ihre Freundinnen und ihre Großmutter ist Sam(antha) vom ersten Tag an allein, denn ihr Vater flüchtet sich in seine Arbeit und ist häufig nur über Zettel mit Nachrichten an seine Tochter anwesend. Vor diesem Hintergrund kommt sie nun in ihrer neuen Schule an, wo sie feststellen muss, dass sie offenbar unerwünscht ist. Nicht nur mag sie keiner, sie hängt auch vor allem in Mathe Lichtjahre hinterher. Im Grunde hat sie niemanden, dem sie sich anvertrauen kann, so ist es auch wenig verwunderlich, dass sie der erste Brief, der sie auffordert, zu verschwinden, aus der Bahn wirft. Hin und her gerissen zwischen Furcht und dem Drang, herauszufinden, warum ihr alle mit offener Antipathie begegnen, manövriert sie sich selbst in brenzlige Situationen. 
Weil niemand - nicht einmal die Lehrer - die Karten offen auf den Tisch legt, wissen weder Samantha noch der Leser, wem in dieser Geschichte Vertrauen geschenkt werden darf. 
Da ist Streber Christoph, der Sam Mathenachhilfe gibt und schon bald neue Gefühle weckt. Dann Herr Simon, der Lehrer mit dem Zahnpastalächeln, der verdächtig oft den Arm um seine Schülerinnen legt. Oder die aufbrausende Caro und die ihr untergebene Geli, die die Fäden der Schulaufführung in Schwanensee in ihren Händen halten und alles andere als erfreut sind, als Sam ebenfalls in das Projekt integriert wird. 
Auch wenn Samantha mit ihren fünfzehn Jahren recht selbständig sein muss, da ihr Vater sich in seine Arbeit verkriecht, so ist sie doch recht naiv und leichtsinnig, wodurch ihr jugendlicher Charakter authentisch wirkt und dem jugendlichen Leser mit auf den Weg gegeben wird, dass man im realen wie virtuellen Alltag die Augen offen halten muss. 
Die Autorin Petra Schwarz verpackt dies geschickt in einer Geschichte, die spannend erzählt ist und mit ihrem herbstlich-grauen, regnerischen Ambiente durchaus eine düstere Stimmung verströmt. 
Immer wieder muss man Sympathien, die man sich gerade noch mühsam aufgebaut hat, wieder überdenken, und immer wieder darf man sich mit neuen Erkenntnissen überraschen lassen. 
Dabei hat die Autorin ihre Charaktere sehr umfassend durchdacht. So bricht sie beispielsweise Samanthas kalifornische Verbindungen nicht gänzlich ab, sondern erinnert mit englischen "Fetzen" in Chats und E-Mails daran, dass ihre Protagonistin eben nicht in Deutschland aufgewachsen ist und sich bisher in einem anderen Sprachraum aufgewachsen ist. Ihr Ausgegrenztsein wird somit umso deutlicher. 
Schulische Umstellung wie auch umzugsbedingte Mängel kommen ebenfalls zur Sprache und machen den Roman genauso lebendig wie seine Charaktere, die altersgemäß reagieren. 
Durch verschiedentliche Träume Samanthas bekommt "Schwanengrab" außerdem einen mysteriösen Touch, wird allerdings nicht zum Mystery-Thriller, sodass hier unter Umständen Erwartungen auf der Strecke bleiben. Auch hatte ich mehr Geheimnisvolles um die so schön um den Odette-Odile-Faden aus Schwanensee gesponnene Doppelgängergeschichte erwartet.
Nach einem atemberaubenden Showdown hätte ich mir lediglich etwas mehr Sanktionen für die Erwachsenen gewünscht. In "Schwanengrab" verhalten sich meines Erachtens viele einfach falsch und inkompetent und sorgen damit für die unvermeidliche Eskalation. Aus meiner erwachsenen Lesersicht hätte ich mir mehr Aufrütteln und Aufrühren erhofft. Blicke ich aber auf mein jugendliches Leser-Ich zurück, ist "Schwanengrab" ein Jugendthriller zum Verschlingen. 

Fazit:
Wendungsreich erzählter Jugendthriller für Leser ab 14 Jahren, der Figuren mit tragischem Hintergrund, ein Verbrechen, Geheimnisse, Lokales und einen Funken von erster Liebe ausgewogen miteinander verbindet und für unterhaltsame und aufregende Lesestunden sorgt. 

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen 





Buchdaten: 
  • Taschenbuch: 304 Seiten
  • Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. August 2013)
  • Umschlaggestaltung: buxdesign, München
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3423715391
  • ISBN-13: 978-3423715393
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 14 - 17 Jahre
  • Neupreis: 8,95 € (D) 
  • Auch als E-Book erhältlich.
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