Mittwoch, 12. Juli 2017

... über "Mein zauberhafter Buchladen am Ufer der Seine" von Rebecca Raisin

Bemüht zauberhafter, leidenschaftsarmer Ortswechsel voller Kommunikationsprobleme 

Zum Inhalt:  
Sarah betreibt in der amerikanischen Kleinstadt Ashford einen kleinen Buchladen. Auch wenn sie verliebt in Bücher und generell nicht unbedingt unzufrieden ist, läuft das Geschäft nicht gerade rund, und ihre Fernbeziehung mit Ridge macht sie nur noch sehnsüchtiger nach mehr im Leben. Da kommt ihr doch eine Nachricht ihrer Freundin Sophie wie gerufen. Diese führt nämlich eine Buchhandlung in der Weltstadt Paris und hat nach ihrer jüngsten Beziehungspleite schlichtweg keinen Bock mehr auf die berühmte Stadt der Liebe. Also schlägt sie Sarah einen Ortswechsel vor: Sophie will Sarahs Buchladen in der US-Provinz führen, während Sarah in Paris Sophies "Once upon a time" übernehmen soll. Schnell stimmt die Amerikanerin zu und packt die Koffer, aber Paris gestaltet sich längst nicht so charmant, wie sie sich erhofft hätte.

(c) Aufbau-Verlag, Bildlink zu amazon
Meine Meinung:
Ich hatte Lust auf einen Roman über Bücher und Paris, und Liebesromane gehen zwischendurch sowieso immer.
Leider konnte mich der zauberhafte Buchladen am Ufer der Seine nur bedingt verzaubern. 
Nüchtern betrachtet ist Rebecca Raisins Roman zwar nicht übermäßig kitschig, aber ziemlich oberflächlich, beleuchtet seine Figuren und sein Setting nur schwach und ist zudem sprachlich gefällig, aber leidenschaftslos erzählt, dass kein rechter Zauber aufkommen will. 
Die Idee, eine Amerikanerin nach Paris zu schicken, ist gewiss nicht neu, bietet aber noch immer einiges Potenzial. Dummerweise landet Sarah nun aber in einer Buchhandlung, die sich auf englischsprachige Literatur spezialisiert hat und von Touristen aufgesucht wird. Selbst das Personal besteht größtenteils aus englischen Muttersprachlern, sodass Sarah eher außerhalb der Buchhandlung auf landestypische Barrieren stößt. (Bei Sophies Erwähnung, Sarah würde mit ihrem Französisch prima zurechtkommen, hätte ich schon hellhörig werden sollen.) Nur kommt die junge Frau nicht unbedingt oft aus dem Buchladen heraus, der mit seinen Themenräumen und Kaminen ein wahres Schmuckstück für Liebhaber alter verwinkelter Häuser ist. So werden ihr gleich bei Ankunft genau da Gepäck und Geld geklaut, und vor allem Beatrice, Kassiererin mit höheren Ambitionen, begrüßt den amerikanischen Eindringling mit Eiseskälte. Und während Sarah sich schließlich mit Fehlbeträgen bei der täglichen Abrechnung herumschlagen muss, sehr zum Ärger von Sophie, die in Ashford Sarahs Buchladen auf Vordermann bringt, und sich beim Personal nicht durchsetzen kann, freundet sie sich langsam an mit TJ, dem unveröffentlichten Quotendichter, Océane, der wohl einzig echten Französin in Sophies Laden, und Luiz, dem weltberühmten Schriftsteller, der ausgerechnet in "Once upon a time" seine Bestseller schreibt. Rein zufällig entdecken der selbstverständlich überaus schüchterne, zurückgezogene Schriftsteller mit tragischem Vergangenheitsgepäck und die buchverrückte Amerikanerin, die in Paris so gar nicht mehr zum Lesen kommt, einen Stapel geheimnisvoller Liebesbriefe, die sie gemeinsam lesen und daraus eine Geschichte zusammenreimen. Dieser Nebenplot dient allerdings lediglich als Vehikel, um Sarahs Beziehung mit dem aufstrebenden Journalisten Ridge lahm konstruiert in Frage zu stellen. Denn eigentlich hätten die beiden endlich mal Gelegenheit für Gemeinsamkeit haben sollen. Aber nein, Rebecca Raison schickt den Mann ständig durch die Weltgeschichte (er muss sich ja einen Namen machen, bevor er sesshaft werden kann) und lässt ihre Protagonistin am langen Arm verhungern. Telefonate, Skype-Gespräche, E-Mails drehen sich immer um dasselbe und lassen keine wirklichen Beziehungsgefühle aufkommen. Im Hintergrund kichert dann immer mal eine fremde Frau und Ridge hat es immer wieder besonders konstruiert besonders eilig. Und immer wieder fragt sich Sarah, was sie eigentlich vom Leben will. Sie bekleckert sich nicht gerade mit fachlicher Kompetenz, sodass man sich unweigerlich fragen muss, wie sie sich denn seit ihrem 19. Lebensjahr mit ihrem Buchladen über Wasser gehalten hat. Von Romantik und Buchliebe allein kann doch kein Mensch leben. Sophies Pariser Buchladen ist vielleicht shabby-romantisch, aber keineswegs klein und verschlafen und stellt Sarah vor eine Herausforderung, der sie offenbar gar nicht gewachsen ist. Führungsqualitäten hat sie nicht und ihr Gespür für Zwischenmenschliches lässt sie sich von Beatrices unverhohlener Feindseligkeit untergraben. Sie braucht die stilsichere Océane, um sich neu einzukleiden und Paris außerhalb touristischer Pfade kennenzulernen. Und so läuft monatelang - seitenweise - alles schief, ohne dass wir erfahren, wer Sarah im Grunde ist oder wirklich tiefer in ihre Beziehung mit Ridge blicken, deren körperliche Chemie immer wieder erwähnt (ansonsten aber wird züchtig abgeblendet), Sarah ständiges Abwägen jedoch nicht nachvollziehbar wird. Neben Lamentieren, Ladenquerelen, Heimweh, uninteressantem Liebesbriefgeheimnis wird die Pariser Kulisse zu kaum mehr als einem aus dem Reiseführer gepurzelten Abziehbild. Und schlussendlich kommt der Weihnachtsholzhammer, der die Dinge ins rechte Lot bringt und endlich alle mal so offen miteinander sprechen lässt, dass den Figuren endlich etwas Nahbares verliehen wird. 
Rebeccas Raisins "Mein zauberhafter Buchladen am Ufer der Seine" ist kaum mehr als ein seichter Liebesroman, der nun wahrlich nicht in solch einladendem Festeinband daherkommen müsste und dem es leider nicht gelingt, den Leser für seine Figuren und für den Zauber von Paris zu erwärmen. Vielleicht aber ist der Sommer nicht die beste Lesezeit für das herbstliche und schließlich weihnachtliche Setting des Romans. Vielleicht entfaltet die Geschichte zu einer anderen Jahreszeit besser ihre Stimmung. Aber eben nur vielleicht. 
Wer trotzdem gern in literarische Buchläden schnuppert und leise vor sich hinplätschernde, sprachlich gefällige Geschichten ohne großen Anspruch mag, dem sei "Mein zauberhafter Buchladen am Ufer der Seine" durchaus empfohlen. 

Gesamteindruck
3 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten:
  • Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
  • Verlag: Rütten & Loening; Auflage: 1 (11. April 2017)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Annette Hahn
  • ISBN-10: 3352008973
  • ISBN-13: 978-3352008979
  • Neupreis: 14,00 € (D)
  • E-Book: 10,99 € (Stand vom 12.07.2017)

 

Freitag, 2. Juni 2017

... über "Die Galerie der Düfte" von Julia Fischer



Frühlingsfrisch duftend und voll blühender Leidenschaft. Eine zauberhafte Einladung zum Wegträumen. 

(c) Droemer-Knaur, Bildlink zu Amazon
Zum Inhalt:
In München betreibt die Mitzwanzigerin Johanna Stern-Reiter, angeschmiegt an die elterliche Apotheke, ein Geschäft, in dem sie mit feinen Sinnen erfolgreich Pflanzenwässer und Naturkosmetik kreiert und verkauft. Von einem besonderen Aqua, mit dem sie aufwuchs, inspiriert, wünscht sie es sich sehnlich, Düfte der ehrwürdigen Florentiner Officina Profumo di Santa Maria Novella in ihrem fantasievollen Sortiment führen zu dürfen. Doch Johanna erntet eine mechanische Absage nach der anderen. Schließlich folgt sie einem kleinen Stups und reist nach Florenz, um die Geschäftsführung der jahrhundertealten Firma persönlich von ihrer „Sternwarte“ zu überzeugen. Bald schon steht sie Kopf und Nase der Officina gegenüber und bringt beide gehörig durcheinander. Während Co-Geschäftsführer Luca Fortini völlig hingerissen von der schönen jungen Frau vorsichtige Annäherungsversuche unternimmt, hat Johanna nur Augen für seinen Bruder Sandro, den Duftexperten. Wie schon ihre Mutter in den 1980ern verfällt Johanna nachhaltig nicht nur dem Charme der Arnostadt ...

Meine Meinung:
Passend zu einer Jahreszeit, in der uns jeden Tag neue Düfte frisch die Nasen kitzeln oder - bisweilen unerträglich - die Luft schwängern, um Bienen zu locken, ist Julia Fischers "Die Galerie der Düfte" erschienen. Ein Sommer-Muss für alle, die Sprache und Liebesromane ohne Kitsch mögen.
Bereits im Prolog verlockt uns die Autorin detailreich, aber intensiv mit Florentiner Stadtansichten, die mitnehmen und neugierig machen, ohne das Geschehen zu überfrachten. Nicht alltägliche, mit ihren Synonymketten vielleicht nicht immer gefällige, aber nicht minder bildreiche und schöne Sprache verleihen der Liebesepisode des Prologs geradezu ätherisches Flair. Eine Stimmung, die verliebt macht in die toskanische Stadt und das Strohfeuer von Leidenschaft. Trotzdem tropft kein Kitsch in den Arno.
Wer flotte Handlungseinstiege mag, sollte geduldig sein und die Flinte nicht gleich ins Korn werfen. In ihrer Gegenwartshandlung, die 2011 beginnt, erdet uns Julia Fischer nämlich wieder. Trotz allerlei Duftbeschreibungen, die ein gewisses Faible erfordern und in einem Roman um Düfte unverzichtbar sind, wird Johannas Geschichte greifbarer. Julia Fischers Sprache bleibt schön, wird aber mit gut platzierten Dialogen nahbarer, weniger detailliert und passt sich stets der Stimmung an. Mit jeder Szene, jedem Handlungsort und jeder Figur wird deutlich, dass dieser Roman ein Herzblutbuch ist. Nichts erweckt den Eindruck simpler Bildersuche, sondern sprüht vor Leidenschaft für Thema und Figuren. Fachthemen sind kompetent verpackt, ohne abgehoben zu wirken und den Leser auf der Strecke zu lassen. Orte werden lebendig, ohne den Protagonisten die Schau zu stehlen. Alles fügt sich zu einer Einheit, in der alles seinen Platz hat.
Vermeintlich Vorhersehbares wendet sich und lässt die Herzen höher schlagen.
Leicht skurril angehauchte Figuren geben dem Roman, der, wenngleich voller Licht, durchaus auch Schattenmomente thematisiert, immer wieder lebendige Leichtigkeit und animieren zum Schmunzeln.
Johanna ist als herrlich unaufdringliche, besonnene Hauptfigur dargestellt, die genauso individuell wie ihr Kleidungsstil ist, weiß, was sie will und zudem von einem intakten Umfeld profitiert. Wie sehr habe ich diese vermeintlich eigenständigen Heldinnen Mitte Zwanzig satt, die schlussendlich doch nur all ihre Individualität an der Brust eines starken Mannes aushauchen. Schon fast befremdlich schön, hat Johanna in dieser Hinsicht erst einmal nicht viel Glück. So trifft sie ungebunden in Florenz ein, wo Lucas und Sandro um sie buhlen.
Oh Gott! Nicht noch ein Liebesdreieck!
Doch, wenn es richtig funktioniert!
Julia Fischer spielt nämlich mit der Liebe, lässt uns für den einen oder anderen Fortini Partei ergreifen, zeichnet die männlichen Parts so nuanciert, wie die Liebe nun mal ist. Nicht schwarz und weiß.
So werden Entscheidungen und Verhaltensweisen nachvollziehbar und glaubhaft. Und keine Figur fällt aus ihrer Rolle. Nebenfiguren sind keine Statisten, sondern echte Sympathieträger, wenn auch nicht auf den ersten Blick: Da sind der schüchterne Niklas, der ein bisschen in Johanna verliebt ist, die hypochondrische Mechthild, die Johanna den nötigen Tritt in den Hintern gibt, um nach Florenz zu reisen, Buchhändler Korn, der gar nicht so steif ist, wie er tut, und über einen schier unerschöpflichen philosophischen Zitatfundus verfügt, und, und, und. Sie alle wachsen ans Herz, holen den Leser mitten ins Geschehen und tragen nicht zuletzt auch dazu bei, dass die Dreiecksgeschichte nicht aufgebauscht wird.
Überhaupt ist "Die Galerie der Düfte" eine sehr harmonische Geschichte – freilich nicht konfliktfrei, denn Konflikte sind die Würze guter Geschichten – aber erwachsen und unaufgeregt erzählt. Ein Roman der leisen Töne, dem es dennoch nicht an Kraft fehlt. Vielleicht weht auch ein sanfter Hauch von Magie zwischen den Zeilen.

Wer Lust hat, an lauen Sommerabenden gemächlich zwischen Florenz und München zu schweben und Teil einer sanft erzählten, bezaubernden Geschichte mit nuancenreichen, glaubhaften Figuren und einnehmenden Szenerien zu werden, wird sich in „Die Galerie der Düfte“ verlieben.

Gesamteindruck
5 von 5 Weißdornzweigen






Buchdaten:

Broschiert: 368 Seiten

Verlag: Knaur HC (2. Mai 2017)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3426653842
ISBN-13: 978-3426653845
Taschenbuch: 14,99 € (D)
E-Book: 12,99 € (D)
Hörbuch (gekürzt): 9,95 € 



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