Freitag, 18. August 2017

Ausgelesen

"Die Tänzerin von Paris" von Annabel Abbs
(c) Aufbau-Verlag, Bildlink zu amazon
Zum Inhalt: 1928 ist Lucia Joyce auf dem besten Weg eine gefragte Tänzerin zu werden. Der moderne Tanz ist ihr Ausdruck, ihr Lebensinhalt. Allerdings ist es alles andere als einfach, die Tochter von James Joyce zu sein. Als Samuel Beckett in das Leben des erblindenden Schriftstellers tritt und bald als Vorleser tagtäglich in der Pariser Wohnung der Joyces anzutreffen ist, verliebt sich Lucia und beginnt, sich ein Leben mit dem wortkargen Iren zu ersinnen. Doch als Muse ihres Vaters ist sie geradezu an ihn gefesselt ...
Meine Meinung: Nach Caroline Bernards "Rendezvous im Café de Flore", das Ende 2016 erschienen war und in der Künstlerromanreihe von atb gewissermaßen aus der Reihe tanzt, weil es sich mit fiktiven Figuren auseinandersetzt, bietet Annabel Abbs nun ihre Version eines Ausschnitts aus dem Leben der real existierenden Lucia Joyce. Kein leichtes Unterfangen ist diese Auseinandersetzung mit Joyces Tochter, die als psychotisch galt und nach verschiedensten psychiatrischen Diagnosen den Rest ihres Lebens in Anstalten verbrachte. In der Ich-Perspektive versucht die Autorin in ihrem Debüt nun, die junge Lucia mit all ihrer Leidenschaft für den Tanz und ihren Kampf um Selbstbestimmung einnehmend wie auch unterhaltsam zu beleuchten. Sie wechselt zwischen zwei Erzählebenen: einmal in der Vergangenheit und einmal in der Gegenwart, als die junge Frau mit gerade 27 Jahren bei Jung eine Psychoanalyse durchläuft. Entstanden ist ein Roman, der Lucia nicht von vornherein als geisteskrank brandmarkt, sondern ihren Tanz und ihre Talente in lebhaften, mitunter allerdings kitschigen Bildern zeigt, aber auch eine geradezu naive, unreflektierte Versessenheit auf Samuel Beckett in den Vordergrund stellt, die zu Wiederholungen und Längen führt. Im Gegenzug steht ihr gesamtes Umfeld in nicht nuanciertem schlechtem Licht da. Es entsteht trotz der nach Identifikation heischenden Ich-Erzählung eine merkwürdig abweisende Distanz, die durch die Unterbrechung des Spannungsbogens durch die Sitzungen bei Jung noch verstärkt wird, sodass "Die Tänzerin von Paris" (warum auch immer der Originaltitel "The Joyce Girl" im Deutschen so stiefmüttlerlich missachtet wurde) einen ebenso bedrückenden wie schalen Eindruck hinterlässt und die Frage aufwirft, ob Abbs die zeitlebens missachtete Lucia auf ihre Weise rehabilitieren oder Wasser auf die Spekulationsmühlen gießen wollte. Meines Erachtens ist "Die Tänzerin von Paris" eher ein Roman für Leser, die ihr Bild von James Joyce ergänzen möchten. Ein Roman "nach der wahren Geschichte von Lucia Joyce", von dem vom Klappentext irregeführte Happy-End-Liebhaber besser die Finger lassen sollten.
3 von 5 Weißdornzweigen






"Die Blütensammlerin" von Petra Durst-Benning
(c) Blanvalet, Bildlink zu amazon
Zum Inhalt: Mit Ende vierzig sieht es für Christine nicht rosig aus. Von Ehemann Herbert endgültig verlassen, sitzt sie im gemeinsamen Haus ohne Beruf und ohne Perspektiven. Als Herbert verkündet, er wolle das Haus verkaufen, wird es eng. Doch zum Glück ist Maierhofen inzwischen ein Mekka für Genussliebhaber, sodass Christine kurzerhand das nicht mehr traute Heim in ein Bed & Breakfast verwandelt. Und als schließlich ein großer Kochwettbewerb bevorsteht, überreden die Maierhofener Frauen Christine zur Teilnahme mit einem Single-Team. Und so hat sie bald das Haus voll unterschiedlicher Persönlichkeiten, die nach dem passenden Partner suchen ...
Meine Meinung: "Die Blütensammlerin" ist bereits der dritte Roman in Petra Durst-Bennings Maierhofen-Reihe. Nach "Kräuter der Provinz" war "Das Weihnachtsdorf" erschienen, der aber kein Lesemuss ist, um mitzukommen. Die wichtigsten Ereignisse der Vergangenheit werden in "Die Blütensammlerin" knapp und unaufdringlich zusammengefasst, sodass der Roman unabhängig gelesen werden kann. Nachdem sich in "Kräuter der Provinz" Großstadtpflanze Greta angesichts des Allgäuer ländlichen Charmes wiedergefunden hatte und sogar in Maierhofen sesshaft wurde, ist mit Christine nun die nächste Single-Frau an der Reihe. Hauptdarsteller aber ist und bleibt Maierhofen, denn das darf wieder seinen Zauber spielen lassen und die zum Kochwettbewerb angereisten einsamen Herzen ordentlich umkrempeln. Dabei ist die Geschichte in Bezug auf die reglementarische Seite des Genussmekkas nicht mehr so blauäugig romantisch wie es noch "Kräuter der Provinz" war, so hat Christine z. B. ordnungsgemäß ein Gewerbe anzumelden. Amüsant ist zudem die Verkupplungsidee, die, und so ist nun mal das Leben, nicht bei allen funktioniert. Trotzdem hätte ich mir gern mehr von der bodenständigen Christine gewünscht, die mir so authentisch vorkommt und überaus sympathisch ist. Im großen Kochteam mit seinen unterschiedlichen Charakteren hat sie zwar als Gastgeberin ihren Platz, kommt aber meines Erachtens zu kurz. Auch von Greta & Co. hätte ich gern mehr gesehen, ob wieder in Maierhofen-Feeling einzutauchen. Trotzdem ist "Die Blütensammlerin" wieder eine schöne, ausgewogene Geschichte mit Schmunzel- und Seufzermomenten.
4 von 5 Weißdornzweigen






"Sommer in der kleinen Bäckerei am Strandweg" von Jenny Colgan
(c) Piper, Bildlink zu amazon
Zum Inhalt: Polly hat es sich auf Polbearne so schön eingerichtet. Ihre kleine Bäckerei betreibt sie mit Leidenschaft und Erfolg. In Huckle hat sie ihre große Liebe gefunden und gemeinsam leben sie in einem Leuchtturm. Eigentlich läuft alles richtig rund. Bis die Besitzerin der Bäckerei stirbt und ihr Neffe Malcolm das Geschäft rationalisieren will. Und so bricht an Cornwalls Küste erneut ein Sturm aus ... 
Meine Meinung: Da hab ich doch glatt zu einer Fortsetzung gegriffen. "Sommer in der kleinen Bäckerei am Strandweg" ist nämlich Teil 2 von "Die kleine Bäckerei am Strandweg" und bald steht auch noch Weihnachten bevor. Zu meiner Erleichterung funktioniert der Roman auch ohne Kenntnis der Auftaktstory und macht sogar noch Lust auf mehr. Jenny Colgan hat auf Polbearne eine so liebenswerte Gemeinde, nebst allerliebstem geflügeltem Sidekick, erschaffen, dass es wirklich schwer fällt, den Roman beiseite zu legen. Duftendes Bäckereiambiente voller Leidenschaft, skurriles Wohnflair, Existenzsorgen, die ebenso realistisch wie das wechselhafte Küstenwetter daherkommen, leicht überzeichnete, aber liebenswerte Nebenfiguren, Eifersucht und Freundschaft sorgen für gute, kurzweilige Wohlfühl-Unterhaltung. Allein Hauptfigur Polly ist mir bisweilen zu sehr zum Jammern aufgelegt und lässt das Stehaufmännchen, das sie laut Aussagen der anderen immer ist, gelegentlich vermissen. Jenny Colgans Gespür für lebensnahe, unterhaltsame Dialoge und abwechslungsreiche Szenenwechsel, die den Leser nicht auf der Strecke und zudem keine Langeweile aufkommen lassen, machen ihren Sommerband über die kleine Bäckerei am Strandweg zu lesenswerter Lektüre. Nicht nur für Fans von Englandromanen.
4 von 5 Weißdornzweigen





Mittwoch, 12. Juli 2017

... über "Mein zauberhafter Buchladen am Ufer der Seine" von Rebecca Raisin

Bemüht zauberhafter, leidenschaftsarmer Ortswechsel voller Kommunikationsprobleme 

Zum Inhalt:  
Sarah betreibt in der amerikanischen Kleinstadt Ashford einen kleinen Buchladen. Auch wenn sie verliebt in Bücher und generell nicht unbedingt unzufrieden ist, läuft das Geschäft nicht gerade rund, und ihre Fernbeziehung mit Ridge macht sie nur noch sehnsüchtiger nach mehr im Leben. Da kommt ihr doch eine Nachricht ihrer Freundin Sophie wie gerufen. Diese führt nämlich eine Buchhandlung in der Weltstadt Paris und hat nach ihrer jüngsten Beziehungspleite schlichtweg keinen Bock mehr auf die berühmte Stadt der Liebe. Also schlägt sie Sarah einen Ortswechsel vor: Sophie will Sarahs Buchladen in der US-Provinz führen, während Sarah in Paris Sophies "Once upon a time" übernehmen soll. Schnell stimmt die Amerikanerin zu und packt die Koffer, aber Paris gestaltet sich längst nicht so charmant, wie sie sich erhofft hätte.

(c) Aufbau-Verlag, Bildlink zu amazon
Meine Meinung:
Ich hatte Lust auf einen Roman über Bücher und Paris, und Liebesromane gehen zwischendurch sowieso immer.
Leider konnte mich der zauberhafte Buchladen am Ufer der Seine nur bedingt verzaubern. 
Nüchtern betrachtet ist Rebecca Raisins Roman zwar nicht übermäßig kitschig, aber ziemlich oberflächlich, beleuchtet seine Figuren und sein Setting nur schwach und ist zudem sprachlich gefällig, aber leidenschaftslos erzählt, dass kein rechter Zauber aufkommen will. 
Die Idee, eine Amerikanerin nach Paris zu schicken, ist gewiss nicht neu, bietet aber noch immer einiges Potenzial. Dummerweise landet Sarah nun aber in einer Buchhandlung, die sich auf englischsprachige Literatur spezialisiert hat und von Touristen aufgesucht wird. Selbst das Personal besteht größtenteils aus englischen Muttersprachlern, sodass Sarah eher außerhalb der Buchhandlung auf landestypische Barrieren stößt. (Bei Sophies Erwähnung, Sarah würde mit ihrem Französisch prima zurechtkommen, hätte ich schon hellhörig werden sollen.) Nur kommt die junge Frau nicht unbedingt oft aus dem Buchladen heraus, der mit seinen Themenräumen und Kaminen ein wahres Schmuckstück für Liebhaber alter verwinkelter Häuser ist. So werden ihr gleich bei Ankunft genau da Gepäck und Geld geklaut, und vor allem Beatrice, Kassiererin mit höheren Ambitionen, begrüßt den amerikanischen Eindringling mit Eiseskälte. Und während Sarah sich schließlich mit Fehlbeträgen bei der täglichen Abrechnung herumschlagen muss, sehr zum Ärger von Sophie, die in Ashford Sarahs Buchladen auf Vordermann bringt, und sich beim Personal nicht durchsetzen kann, freundet sie sich langsam an mit TJ, dem unveröffentlichten Quotendichter, Océane, der wohl einzig echten Französin in Sophies Laden, und Luiz, dem weltberühmten Schriftsteller, der ausgerechnet in "Once upon a time" seine Bestseller schreibt. Rein zufällig entdecken der selbstverständlich überaus schüchterne, zurückgezogene Schriftsteller mit tragischem Vergangenheitsgepäck und die buchverrückte Amerikanerin, die in Paris so gar nicht mehr zum Lesen kommt, einen Stapel geheimnisvoller Liebesbriefe, die sie gemeinsam lesen und daraus eine Geschichte zusammenreimen. Dieser Nebenplot dient allerdings lediglich als Vehikel, um Sarahs Beziehung mit dem aufstrebenden Journalisten Ridge lahm konstruiert in Frage zu stellen. Denn eigentlich hätten die beiden endlich mal Gelegenheit für Gemeinsamkeit haben sollen. Aber nein, Rebecca Raison schickt den Mann ständig durch die Weltgeschichte (er muss sich ja einen Namen machen, bevor er sesshaft werden kann) und lässt ihre Protagonistin am langen Arm verhungern. Telefonate, Skype-Gespräche, E-Mails drehen sich immer um dasselbe und lassen keine wirklichen Beziehungsgefühle aufkommen. Im Hintergrund kichert dann immer mal eine fremde Frau und Ridge hat es immer wieder besonders konstruiert besonders eilig. Und immer wieder fragt sich Sarah, was sie eigentlich vom Leben will. Sie bekleckert sich nicht gerade mit fachlicher Kompetenz, sodass man sich unweigerlich fragen muss, wie sie sich denn seit ihrem 19. Lebensjahr mit ihrem Buchladen über Wasser gehalten hat. Von Romantik und Buchliebe allein kann doch kein Mensch leben. Sophies Pariser Buchladen ist vielleicht shabby-romantisch, aber keineswegs klein und verschlafen und stellt Sarah vor eine Herausforderung, der sie offenbar gar nicht gewachsen ist. Führungsqualitäten hat sie nicht und ihr Gespür für Zwischenmenschliches lässt sie sich von Beatrices unverhohlener Feindseligkeit untergraben. Sie braucht die stilsichere Océane, um sich neu einzukleiden und Paris außerhalb touristischer Pfade kennenzulernen. Und so läuft monatelang - seitenweise - alles schief, ohne dass wir erfahren, wer Sarah im Grunde ist oder wirklich tiefer in ihre Beziehung mit Ridge blicken, deren körperliche Chemie immer wieder erwähnt (ansonsten aber wird züchtig abgeblendet), Sarah ständiges Abwägen jedoch nicht nachvollziehbar wird. Neben Lamentieren, Ladenquerelen, Heimweh, uninteressantem Liebesbriefgeheimnis wird die Pariser Kulisse zu kaum mehr als einem aus dem Reiseführer gepurzelten Abziehbild. Und schlussendlich kommt der Weihnachtsholzhammer, der die Dinge ins rechte Lot bringt und endlich alle mal so offen miteinander sprechen lässt, dass den Figuren endlich etwas Nahbares verliehen wird. 
Rebeccas Raisins "Mein zauberhafter Buchladen am Ufer der Seine" ist kaum mehr als ein seichter Liebesroman, der nun wahrlich nicht in solch einladendem Festeinband daherkommen müsste und dem es leider nicht gelingt, den Leser für seine Figuren und für den Zauber von Paris zu erwärmen. Vielleicht aber ist der Sommer nicht die beste Lesezeit für das herbstliche und schließlich weihnachtliche Setting des Romans. Vielleicht entfaltet die Geschichte zu einer anderen Jahreszeit besser ihre Stimmung. Aber eben nur vielleicht. 
Wer trotzdem gern in literarische Buchläden schnuppert und leise vor sich hinplätschernde, sprachlich gefällige Geschichten ohne großen Anspruch mag, dem sei "Mein zauberhafter Buchladen am Ufer der Seine" durchaus empfohlen. 

Gesamteindruck
3 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten:
  • Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
  • Verlag: Rütten & Loening; Auflage: 1 (11. April 2017)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Annette Hahn
  • ISBN-10: 3352008973
  • ISBN-13: 978-3352008979
  • Neupreis: 14,00 € (D)
  • E-Book: 10,99 € (Stand vom 12.07.2017)

 
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